Der Interdisziplinäre Qualitätszirkel I (IQZ)

Hilfe zur Selbsthilfe – eine Chance zur Verständigung zwischen chronisch Kranken und professionellen Helfern
(Dr. O. Bahrs, MA S. Heim, MA M. Nave, Dr. M. Weiß-Plumeyer)
(1998-2001)

Die Versorgung chronisch Kranker ist ein interdisziplinäres Geschehen, an dem neben Haus- und Gebietsärzten auch Professionelle aus anderen Gesundheitsberufen und nicht zuletzt die Patienten selbst und ihre Angehörigen beteiligt sind. Neben medizinischer Behandlung spielt psychosoziale Unterstützung eine bedeutende Rolle. Parallele Behandlung birgt jedoch die Gefahr von Abstimmungsproblemen und Verzettelung der Verantwortlichkeit. Zudem steht zunehmend dem wachsenden Behandlungsbedarf ein sinkendes Behandlungspotential gegenüber. Es liegt nahe, dass bewusst oder unbewusst, programmatisch oder ideologisch, eine stärkere Delegation in die Selbsthilfe erfolgen wird. Der wachsenden Notwendigkeit von Eigenleistung der Patienten steht allerdings keine entsprechend größere Unterstützung gegenüber. Vielmehr wird die Position der chronisch Kranken mit jeder weiteren Stufe der Gesundheitsreform geschwächt, die Organisierung von Selbsthilfe erschwert. Stärkung von Kooperation und Vernetzung der verbleibenden Strukturen bieten in dieser Situation eine der wenigen Chancen zur praktischen Gegensteuerung.

Kooperation wird durch das derzeitige Gesundheitssystem nicht gefördert. Alternativerfahrungen können am ehesten im Rahmen von Modellprojekten gesammelt werden, indem sich neue Strukturen in einem geschützten Raum erproben lassen. Ärzte konnten dies z.B. im Qualitätszirkel erfahren, einer Form des kollegialen Erfahrungsaustauschs, die in den vergangenen Jahren als Form der internen Qualitätssicherung in der ambulanten Versorgung entwickelt wurde und mittlerweile zunehmend umgesetzt wird.

In ärztlichen Qualitätszirkeln sind Patienten zwar häufig Gegenstand der Diskussion, sie können ihre Perspektive jedoch nicht selbst zur Sprache bringen. Bislang gibt es nur wenig Erfahrungen mit berufsübergreifenden Qualitätszirkeln. Über die Einbeziehung von Patienten liegen im deutschen Sprachraum keine Informationen vor, obwohl diese gerade bei chronischen Erkrankungen in hohem Maße selbstverantwortlich an der Behandlung beteiligt sind und notwendig eine eigene Expertenschaft entwickeln müssen.

Vor diesem Hintergrund hat die GeMeKo – in Kooperation mit der KIBIS (Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich) Göttingen und der Abteilung Medizinische Psychologie der Universität Göttingen – 1998 einen Interdisziplinären Qualitätszirkel (IQZ) initiiert, der zum einen aus Ärzten und Angehörigen unterschiedlicher Gesundheitsberufe besteht, zum anderen aus Vertretern von Selbsthilfegruppen, welche die Patientenperspektive in die gemeinsame Arbeit mit einbringen. Der aus 15 kontinuierlichen Mitgliedern bestehende IQZ traf sich einmal pro Monat und war zunächst auf ein Jahr angelegt. Aufgrund der positiven Erfahrungen mit der Gruppenarbeit und dem starken Bedarf an interdisziplinärem Austausch, wurde die Arbeit fast drei Jahre bis Februar 2001 fortgeführt. Den Gruppendiskussionen lagen Berichte aus konkreten Behandlungssituationen einerseits und aus der Arbeit der Selbsthilfegruppen andererseits zugrunde.

Im Rahmen des Projektes wurde exemplarisch erprobt, wie (niedergelassene) Ärzte, Vertreter von Selbsthilfegruppen sowie Angehörige anderer Gesundheitsberufe in kontinuierlicher fallbezogener Gruppenarbeit ihre jeweiligen Perspektiven nachvollziehbar machen, wie sie gemeinsam Kriterien für wünschenswerte Versorgungsqualität in der Region erarbeiten und welche praktischen Konsequenzen daraus resultieren. In der Annahme, dass alltägliche Versorgungsprobleme in der Gruppe modellhaft ausgehandelt werden, galt der Analyse des Konsensfindungsprozesses besondere Aufmerksamkeit.

Mit der AOK Göttingen, der regionalen Bezirksstelle von Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung sowie KIBIS Göttingen haben maßgebliche Institutionen der Gesundheitsversorgung das Zustandekommen des interdisziplinären Qualitätszirkels unterstützt. Das Projekt wurde vom Arbeitsamt Göttingen finanziell gefördert.

Der IQZ „Hilfe zur Selbsthilfe“

  • initiierte, dokumentierte und erforschte interdisziplinäre, fallbezogene und kontinuierliche Gruppenarbeit
  • zielte auf Kooperationsförderung
  • wurde von Moderatoren unterstützt
  • orientierte sich am regionalen Versorgungsbedarf
  • fungierte als Modell für Abstimmungsprobleme in der Versorgungswirklichkeit
  • zielte auf Veränderung dieser Versorgungsrealiät.

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